Bedeutung und Geschichte

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Das gewaltige Münster von Weingarten, 1956 zur päpstlichen basilica minor erhoben und den Heiligen Martin und Oswald geweiht, dokumentiert in Größe und Ausstattung die Bedeutung dieses Gotteshauses als prominente Klosterkirche wie als bedeutende Wallfahrtskirche. Auf der Zeittafel sieht man auf einen Blick die wichtigsten historischen Daten.

Mittelalter

1056 von Welf IV. als Hauskloster und Grablege der Welfen gegründet und von Benediktinern aus Altomünster besiedelt, gehörte Weingarten von Anfang an zu den mächtigsten Klöstern Süddeutschlands. Bereits die ab 1100 errichtete Stiftskirche im Hirsauer Stil beeindruckte durch ihre Ausmaße. Reste dieser Anlage sind noch neben dem Südturm auf dem Basilikavorplatz erkennbar. Durch die Heirat Welf IV. mit Judith von Flandern kam zudem ab 1094 ein reicher Kirchenschatz in das Kloster, als dessen kostbarste Gabe sich alsbald die Heilig-Blut-Reliquie erweisen sollte. Bereits vor 1400 war sie zum Ziel vieler Wallfahrer geworden.

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Barockzeit

1715 verfügte Abt Sebastian Hyller den Abbruch des 600 Jahre alten Gotteshauses, um nunmehr einen „würdigen Schrein“ für das Kostbare Blut zu errichten und zwar nach dem Vorbild des Peterdoms in Rom. Landläufig als „Schwäbisches St. Peter“ bezeichnet, gilt sie als größte Barockkirche nördlich der Alpen. Als einzige Barockkirche Oberschwabens und des Bodenseegebietes weist sie eine Kuppel auf. Diese, wie nahezu alle Maße, entspricht knapp der Hälfte des römischen Vorbilds. Obwohl nahezu alle großen Baumeister Süddeutschlands Pläne eingereicht hatten, sich aber keiner durchsetzen konnte, kam es zu einem der architektonisch gelungensten Kirchenräume des 18. Jahrhunderts, welcher aus einer Synthese von Zentralbau und dem Vorarlberger Münsterbauschema besteht.

Säkularisation

Mit der Aufhebung des Klosters im Zuge der Säkularisation 1803 und dem Verbot der Wallfahrt im Geist der Aufklärung kam es im Inneren zum Verlust des kostbaren Gnadenaltars und der Wallfahrtsausstattung. 1811 wurde das funktionslos gewordene Gotteshaus der Pfarrei Altdorf-Weingarten als Pfarrkirche zugewiesen. Mit der Neubesiedlung der Abtei durch Mönche aus Beuron-Erdington 1922 kam es 1931 zur heutigen Altarraumlösung, bei der das barocke Chorgitter zum Nachteil des Hochaltars unmittelbar vor diesen zurückversetzt wurde und man mit dem heutigen Heilig-Blut-Altar einen liturgischen Vorgriff im Geiste des 2. Vatikanums vornahm.

Gegenwart

Das Jahr 2010 brachte die selbstbestimmte Auflösung und den damit verbundenen Auszug des Konvents mit sich. Nach wie vor dient die Basilika der Kirchengemeinde als Pfarrkirche und vielen Pilgern als Wallfahrtskirche. Als größte Kirche in der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist sie auch wichtiger Gottesdienstort für besondere Anlässe.

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Basilica minor („kleinere Basilika“, im Gegensatz zu den vier Basilicae maiores) ist seit dem 18. Jahrhundert ein besonderer Ehrentitel, den der Papst einem bedeutenden Kirchengebäude verleihen kann. Die Verleihung eines Titels Basilica minor bezweckt „die Stärkung der Bindung der einzelnen Kirchen an den römischen Bischof und soll die Bedeutung dieser Kirche für das Umland hervorheben“. Quelle: www.wikipedia.de

 

Zeittafel

  • 1056 Klostergründung durch die Welfen
  • 1094 Übergabe der Heilig-Blut-Reliquie durch Judith von Flandern
  • 1182 Weihe des romanischen Münsters
  • um 1200 Blütezeit der Buchmalerei unter Abt Berthold
  • vor 1274 Abtei wird reichsunmittelbar
  • ab 1520 Abwendung der Reformation unter Abt Gerwig Blarer
  • 1529 Älteste Erwähnung des Blutritts als Brauch »von alt her gewesen«
  • ab 1587 Klosterreform unter Abt Georg Wegelin
  • 1715 Abbruch des mittelalterlichen Münsters
  • 1724 Weihe des neuen, barocken Münsters
  • 1753 Größter Blutritt mit 7055 Reitern
  • 1802/03 Säkularisation. Das Kloster fällt an das Haus Nassau-Oranien-Fulda
  • 1806 Weingarten wird württembergisch
  • 1811 Ehemalige Klosterkirche wird Pfarrkirche
  • 1922 Neubesiedelung durch die Beuroner Benediktinerkongregation
  • 1938-1945 Verbot des Blutritts durch die Nationalsozialisten
  • 1956 Papst Pius XII. erhebt das Münster zur »Basilica minor«
  • 1994 900-Jahr-Feier Heilig-Blut-Reliquie in Weingarten
  • 2010 Die Benediktiner verlassen Weingarten
  • 2016 Eröffnung des Klosters als geistliches Zentrum
     
     

Quelle: „Kleiner Kunstführer“, ISBN 978-3-7954-4314-6