Wallfahrt


Heilig-Blut-Reliquie























Was Weingarten weithin Berühmtheit verleiht, ist ohne Zweifel sein kostbarstes Kleinod, das im Heilig-Blut-Altar des herrlichen Barockmünsters geborgen liegt, die Heilig-Blut-Reliquie, bestehend aus Blut von der Seitenwunde Christi, vermischt mit Erde von Golgatha, die von Palästina nach der schon im Altertum bekannten Garnisonsstadt Mantua gebracht wurde. Nach den Annales Laurissenses, der Lebensbeschreibung Karls des Großen, fand man in dieser oberitalienischen Stadt zu Beginn des 9. Jahrhunderts das Kleinod, das aber neuerdings vor Sarazenen und Ungarn verborgen werden musste, 1049 jedoch wiederum entdeckt wurde, was der bekannte Reichenauer Mönch Hermann der Lahme in seiner Weltchronik erwähnt. Damals teilten Kaiser Heinrich III., Papst Leo IX. und der Herzog von Mantoia untereinander den Schatz. Heinrich III. schenkte auf dem Todbett seinem Widersacher Balduin von Flandern die Reliquie, und dieser vermachte sie seiner Stieftochter Judith, welche sie im Jahre 1094 Abt und Mönchen auf dem Martinsberg schenkte, damit auf deren frommes Gebet hin Welf IV., der Gemahl Judiths, glücklich von seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land zurückkehre. Seither blieb das Kleinod in Weingarten. Nur in gefahrvollen Zeiten wurde es teils nach Bregenz, Feldkirch, Rorschach oder St. Gallen gebracht. Nach der Aufhebung des Klosters kam es für kurze Zeit nach Stuttgart, kehrte aber bald wieder zurück.


Die stäbchenförmige Reliquie lag ursprünglich in einem Linnen, das Abt Berthold von Hainburg (1200—1232) den Weingarten unterstellten Kirchen Lana in Südtirol und Höfen schenkte. Das Linnen selbst war wiederum in einem krugartigen Reliquienbehälter geborgen, wie wir ihn noch auf einem Bild Judiths im Audienzsaal des Pädagogischen Instituts sehen. Derselbe Abt Berthold ließ nun ein Reliquiar aus Gold und Edelsteinen anfertigen, das der Würde des Kleinods noch mehr gerecht wurde als bisher. Vielleicht fand es im 16. Jahrhundert eine unwesentliche Umformung durch andere Anordnung der Steine, wie dies noch erhaltene Malereien bezeugen. Sicher ist, dass Abt Sebastian Hyller, der Bauherr der heute weithin die Gegend beherrschenden Basilika, die auch u. a. dem Wunder wirkenden Hl. Blut geweiht wurde, die Reliquie zwei Jahre nach der Kirchweihe (1726) neu fassen ließ. Doch schon 1809 kam das kostbare Werk in andere Hände. Die württembergische Finanzverwaltung nahm es weg. Sie glaubte nach maßgeblicher Schätzung 70 000 Gulden gewonnen zu haben. Den Schaden suchte sie nur insofern gutzumachen, als eine Nachbildungen aus Kupfer und wertlosen Steinen auf ihre Kosten angefertigt wurde. Am Ende des 18. Jahrhunderts bemühten sich hochherzige, edle Wohltäter, einzelne Teile durch edleres Material zu ersetzen. Doch erst 1956 konnte an eine völlige Neufassung gedacht werden, nachdem manche Scherflein und Gaben „armer Witwen”, ungenannter und unbekannter Spender, vor allem aber des schwäbischen Adels und teils der Industrie die finanzielle und stoffliche Grundlage hierzu geboten hatten. Eine Münchener Goldschmiedewerkstätte, die besondere Erfahrung hinsichtlich der Restaurierung von Reliquiaren besaß, schuf in verhältnismäßig kurzer Zeit ein Werk, das dem kostbaren Inhalt zu entsprechen suchte.


Besonderen Wert legte man darauf, dass die alte, dem Volk bekannte Form bewahrt wurde. Auf den Zierrat, wie er in der Barockzeit beliebt war, verzichtete man bewusst. Statt dessen zeichnet sich das neue Reliquiar durch klare Linienführung und nicht zu bunte Farbigkeit aus, die infolge bewusst strenger Auswahl einzelner Steine gewonnen wurde.


Damit schuf der Goldschmied eine Arbeit, die der von Abt Berthold grundgelegten Tradition entsprach. Denn das heutige Reliquiar besteht ebenfalls aus einem spätromanisch anmutenden Doppelkreuz. Im Schnittpunkt des unteren Querbalkens mit dem Längsbalken befindet sich ein Bergkristall. Reliquien wurden gerne in einem solchen geschliffenen Stein geborgen. Das ist schon aus dem 4. Jahrhundert bekannt, und im 12./13. Jahrhundert liebte man es besonders, früher unsichtbare Heiligtümer unverhüllt zu zeigen. So stammt aus dieser Zeit ein Kristallreliquiar, ähnlich dem des Hl. Blutes zu Weingarten, mit einem Dorn aus der Krone Christi zu St. Maurice in der Schweiz, ein Geschenk des hl. Königs Ludwig von Frankreich an die dortige Abtei, während dem Kloster Weingarten einige Kreuzpartikel, ebenfalls in Kristall eingefasst, vom deutschen König Rudolf von Habsburg vermacht wurde. Die Gläubigen trachteten danach, sich beim Anblick dieser geweihten Gegenstände zu heiligen und religiös zu begeistern. So ist es auch verständlich, dass gerade in diesen Jahrhunderten eine gewaltig aufblühende Kristallindustrie zu Venedig entstand. Die Stadt führte ihre Erzeugnisse in die fernsten Gegenden Europas aus. Da unsere Heilig-Blut-Reliquie aus Mantua stammte und durch das dortige Andreaskloster stets Beziehungen zu Weingarten erhalten blieben, ist es nicht ausgeschlossen, dass auch der unter Abt Berthold gefertigte Kristall eine venezianische Arbeit war. Die Lagunenstadt führte das Rohmaterial aus dem Gotthardgebiet ein. Von hier bezogen übrigens auch die Kristallschleifereien zu Freiburg i. Br. seit dem 13. Jahrhundert ihre Rohstoffe. Der Kristall der heutigen Reliquie zu Weingarten wurde ebenfalls in Freiburg 1730 hergestellt. Das Siegel daran blieb auch anlässlich der Überführung nach Stuttgart 1809 unverletzt. Mag man es vielleicht bedauern, dass der obere Teil des Reliquiars in Email statt in Plastik eine Kreuzesdarstellung zeigt, so wird dabei um so mehr der Hinweis auf das der Seitenwunde entströmende Erlöserblut deutlich gemacht, das für unsere Sünden Sühne leistete und die Herrlichkeit des Himmels erschloss. Damit tut sich auch die Wertschätzung Gottes gegenüber den Menschen kund. Die Einheit zwischen dem in Weingarten aufbewahrten Blut und dem Kreuzesblut kommt ebenfalls besser zur Geltung. So ist es auch verständlich, dass gerade die alten Mönche bemüht waren, an Kreuzfesten die Wallfahrt zum Hl. Blut zu fördern durch Gewährung von bischöflichen oder päpstlichen Ablässen. In gleicher Weise ist es sinnvoll, dass der untere Teil des Reliquiars reliefartig das Wappen Weingartens, den Weinstock, aufweist. Denn das Kloster empfing seine weit wirkende Bedeutung und seinen andere Stifte überstrahlenden Glanz von der Heilig-Blut-Reliquie, der es sich von neuem verpflichtet fühlte durch die Schaffung der jetzigen Fassung. Nicht außer acht lassen darf man hierbei die symbolische Bedeutung im Anschluss an den hl. Bonaventura und den bekannten Weingartener Geschichtsschreiber P. Gabriel Bucelin, die den Weinstock mit Blättern und Trauben in Beziehung setzen mit den letzten sieben Worten und der siebenfachen Blutvergießung Christi am Kreuz.


Quelle: Altdorf-Weingarten P. Dr. Gebhard Spahr OSB + 1960