Blutfreitag
Geschichte
Entwicklungen nach dem 2. Weltkrieg
Schon bald nach Kriegsende, 1946 und 1947, fanden sich die meisten Blutreitergruppen wieder zur Feier des Blutfreitags ein, auch wenn – außer Baienfurt, Ravensburg und Weingarten- noch alle zu Fuß gingen. Rund 40000 Pilger zog das erste Blutfreitagsfest nach dem Krieg an. 1948 fand dann wieder die große Reiterprozession nach altem Brauch statt: 80 Gruppen mit rund 1450 Reitern und 50 Musikkapellen gaben dem Heiligen Blut das Geleit; gegen 50000 Pilger feierten diesen Blutfreitag mit.
Aber die Aufwärtsentwicklung hielt nur wenige Jahre an. Bald musste man sich Sorgen um die Zukunft des Blutrittes machen, weil in der Landwirtschaft das Pferd zunehmend vom Traktor verdrängt wurde. So war z.B. Über zehn Jahre hin in der Blutreitergruppe von St. Christina der Gruppenführer der einzige, der noch selbst ein Pferd besaß. Es gelang ihm aber, die Gruppe zusammen zu halten und für sie zum Blutfreitag aus dem ganzen Oberland die Pferde zusammen zu holen. Erst ab 1973 kehrte sich diese Entwicklung wieder um. Beim Blutritt 1989 konnten 2830 Reiter gezählt werden.
Eine illustre Reihe von Festpredigern und Ehrengästen bis hin zum Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (beim Blutritt 1991) unterstrichen die Bedeutung, die das Blutfreitagsfest mit dem Blutritt auch in der Gegenwart für das ganze Oberland und darüber hinaus behalten hat. Sein Charakter als religiöses Fest kommt noch stärker zur Geltung, seit 1950 der begleitende Jahrmarkt abgeschafft wurde.
Der Ablauf
Der äußere Ablauf ist seit über hundert Jahren – mit geringfügigen Schwankungen bei den Uhrzeiten und witterungsbedingten Modifikationen – derselbe. Schon im Lauf des Himmelfahrtstages treffen vielen Reiter und Pilger in Weingarten ein. Mit der Abendmesse beginnen die Blutfreitagsfeierlichkeiten. Ihr folgt die Festpredigt des kirchlichen Ehrengastes. Anschließend ziehen die Gläubigen einer Lichterprozession zur Andacht auf den Kreuzberg. Die Basilika bleibt die ganze Nacht über zum stillen Gebet und zur Ehrenwache beim Heiligen Blut geöffnet. Am Freitagmorgen um 4 Uhr läutet die Heilig-Blut-Glocke und lädt zur Reitermesse ein. Während die Reiter ihre Pferde bereitmachen und sich zur Prozession aufstellen, werden weitere Frühmessen gefeiert. Um 7 Uhr läutet die Glocke erneut. Die Heilig-Blut-Reliquie wird dem Altar entnommen, in feierlichem Zug zum westlichen Hauptportal getragen und dort dem Heilig-Blut-Reiter übergeben, der die Umstehenden segnet und sich dann auf dem äußeren Klosterhof in die Prozession einreiht. Am Rathaus mit der Ehrentribüne vorbei zieht die Prozession zum südlichen Stadtrand, wo die Musikkapellen zurückbleiben. Auf dem langen Weg durch den Esch beten die Reiter den Rosenkranz.
Die einzelnen Blutreitergruppen sind einheitlich geordnet. An ihrer Spitze ziehen die Ministranten in roten Chorröcken, gefolgt vom Pfarrer im festlichen Chorhemd. Neben ihm reiten die Gruppenführer. Standartenträger führen dann die übrigen Gruppenmitglieder an, die paarweise nebeneinander reiten.
An vier Stationsaltären werden die Anfänge der vier Evangelien gelesen. Der Heilig-Blut-Reiter erteilt den Segen mit der Reliquie und bittet um Bewahrung vor Unheil für Mensch, Tier und Feldfrucht vor Blitz, Hagel und Ungewitter. Bei der Rückkehr in den äußeren Klosterhof wird die Heilig-Blut-Reliquie feierlich empfangen und die Kirche zurückgebracht. Dort schließt ein Pontifikalamt mit feierlichem Te Deum den Blutritt ab.
Stadt und Blutritt
Dass der Blutfreitag alle Stürme der Geschichte überstanden hat und der Blutritt als einzige der oberschwäbischen Reiterprozessionen eine ungebrochene Tradition aufweisen kann, verdankt er – zumindest auf der menschlichen Ebene – vor allem dem Umstand, dass die Gemeinde Altdorf-Weingarten ihn zu ihrem ureigenen Anliegen gemacht hat. Traditionellerweise werden am Ostermontag vorbereitende Fragen des Transportes, der Versicherung, der Organisation sowie der Prozessionsordnung und alles andere, was bei einer Großveranstaltung geregelt werden muss, besprochen. Besonderer Anstrengung bedarf die Bereitstellung von Quartieren für Reiter und Pferde. Die Kosten für Ordnungsdienste, Schmuck des Prozessionswegs durch die Stadt, Reinigung der Straßen und Plätze usw. Sind beträchtlich. Aber auch die Pfarrgemeinde hat erhebliche Aufwändungen, die keineswegs durch das Opfer in den Festgottesdiensten ausgeglichen werden.
Wichtiger aber als die finanziellen Anstrengungen ist der Idealismus der Beteiligten, insbesondere der Gruppenführer und der Mitglieder für die Festvorbereitung. Viele tragen ein Leben lang aufopferungsvoll dazu bei, dass der Blutritt, das Glaubensfest des Oberlands, weiterhin feierlich begangen werden kann.
Quelle: Weingarten-Buch der Stadt Weingarten 1992
Mit freundlicher Genehmigung der Stadt Weingarten und des Autors Prof. Dr. Norbert Feinäugle.