Gabler-Orgel

Gabler-Orgel

1750, im Todesjahr Johann Sebastian Bachs, wurde von Joseph Gabler die Große Orgel in der Klosterkirche Weingarten nach 13jähriger Bauzeit fertiggestellt. Mit 66 Registern, spielbar auf vier Manualen und Pedal, ist sie die größte und bedeutendste süddeutsche Barockorgel, die völlig original erhalten geblieben ist; 1980-83 wurde sie von der schweizerischen Orgelbaufirma Kuhn, Männedorf, nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten sehr einfühlsam restauriert.

In der Disposition (Zusammenstellung der Register) ist das Werk Gablers ganz der süddeutsch-italienischen Tradition verpflichtet: voll ausgebaute Principalchöre in allen Manualen, Terz-Mixturen (hier auch Sesquialtera und Cornett), relativ geringer Anteil an Zungenregistern (z.B. Vox humana), zahlreich charakteristische Grundstimmen in 8’-Lage; hinzu kommen die vielen zarten Streicher (Viola, Violoncell, Violonbaß), die schon Klangvorstellungen der Romantik vorwegnehmen.

In ihrer spätbarocken Klanglichkeit ist die Gabler-Orgel naturgemäß ein adäquates Instrument für die Wiedergabe „Alter Musik“: speziell der süddeutschen und italienischen Meister des Barock (Muffat, Pachelbel), aber auch viele Werke des norddeutschen Barock (Buxtehude) und die meisten Kompositionen J.S. Bachs lassen sich klanglich originalgetreu wiedergeben. Aufgrund ihres romantischen Einschlags wäre auch Literatur des 19. Jahrhunderts gut zu interpretieren; hier setzen allerdings baulich-technische Gegebenheiten (geringer Manualumfang, Fehlen von Schwellwerk und Spielhilfen) dem Spieler Grenzen. In der Programmgestaltung wird jedoch immer wieder versucht, grenzüberschreitend auch Werke des 19. Jahrhunderts und zeitgenössischer Komponisten zu bieten.

Trotz seiner Monumentalität hat Gablers Meisterwerk nichts Aggressives, Erdrückendes; vielmehr vermag der vornehm distanzierte Klang des „Vollen Werks“ und der geheimnisvoll verschwebenden, pastellartigen Farbregister den Hörer auf besondere Weise und immer aufs neue zu bezaubern. Freilich bedarf es dazu des Einhörens, des sich Einlassens auf das Besondere von Raum und Instrument.


Heinrich Hamm