Basilika

















Die Kirche des 1056 gegründeten Benediktinerklosters Weingarten, in barockem Stil 1715-1724 komplett neu erbaut, wurde erst 1811, nach der Säkularisation, Pfarrkirche und blieb es dann auch nach dem Wiedereinzug der Benediktiner (1922-2010). Den päpstlichen Ehrentitel „Basilika“, der ihr 1956 verliehen wurde, erhielt sie wegen ihrer herausragenden Bedeutung als Wallfahrtskirche, Kunst- und Kulturdenkmal.



Ob die Basilika Weingarten, wie oft zu lesen, die größte Barockkirche nördlich der Alpen ist, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls beeindruckt sie Besucher schon allein durch ihre Innenmaße, die mit rund 102 m Länge, 26 m Deckenhöhe und 29 m Breite im Hauptschiff und knapp 67 m Höhe der Zentralkuppel jeweils ziemlich genau die Hälfte der Maße des Petersdoms erreicht – ein gewollter Bezug, der auch in der äußeren Gestalt  und im Chorgitter anklingt. Trotz der Größe wirkt der Innenraum ruhig und harmonisch im fein abgestimmten Zusammenklang von Architektur und künstlerischer Ausstattung.




Nach langer Vorplanung wurde der barocke Bau unter Abt Sebastian Hyller (1697-1730) ins Werk gesetzt. Zahlreiche namhafte Architekten waren in die Planung einbezogen worden. Mit der Ausführung wurden vorzügliche Künstler und Handwerker betraut. Im Unterschied zu vielen oberschwäbischen Barockkirchen, bei denen ein älterer Baukörper mehr oder minder barockisiert wurde, baute man in Weingarten von Grund auf neu. Der Grundriss verbindet die verbreitete Kreuzform mit der im Barock zunehmend beliebten Form des Zentralraums zu einer Kreuz-Kuppel-Kirche. Dadurch ließen sich die erforderlichen Funktionen einer Klosterkirche mit Mönchschor, einer Wallfahrtskirche für große Gottesdienste und der Welfen-Grablege mit Gruft angemessen erfüllen.

Die für ein solches Bauwerk ungewöhnlich kurze Bauzeit von der Grundsteinlegung 1715 bis zur Einweihung 1724 sorgte für ein einheitliches Erscheinungsbild im zurückhaltenden Régence-Stil des Hochbarock. Die teilweise älteren Gemälde der Altäre und der Galerie wie auch die etwas später vollendete Hauptorgel (1737-1750) von Joseph Gabler mit ihren vielen reizvollen Rokoko-Putten fügen sich problemlos ein. Einzig die gewaltige Kanzel von Fidel Sporer (1762) bringt lebhafte Bewegtheit und rokokohafte Verspieltheit in das sonst ruhige Gesamtbild. Auch die dezente Stuckierung durch den Wessobrunner Meister Franz Schmuzer ordnet sich den konstruktiven Elementen der weiten Jochbögen und Gurte und der mächtigen weißen Wandpfeiler dezent unter. Unabgelenkt wird der Blick des Besuchers so zuerst zum Hauptaltar und zur Schauvitrine mit dem Heilig-Blut-Reliquiar geführt.



Nur die farbkräftig leuchtenden Deckengemälde Cosmas Damian Asams, die dieser 1718-1720 gemalt hat, bilden einen lebhaften Kontrast zum vorherrschenden Weiß. Nach einem detailliert vorgegebenen theologischen Konzept stellt Asam das Werk der Erlösung und den Weg des Heils vor Augen. Wo in der Mitte der Basilika Vierung und Querschiffe zum zentralen Raum verschmelzen, verdichtet sich das Geschehen in der heiligen Eucharistie, bildhaft verdeutlicht in den großen Altären der Querschiffe und den Bildern der Gurtbögen, und gipfelt in der grandiosen Darstellung des Heiligenhimmels im zentralen Kuppelfresko. Im anschließenden Chorraum setzen der barocke Hochtaltar und das seit 1931 unmittelbar davor recht ungünstig platzierte Chorgitter starke Akzente. Das seit dem Weggang der Mönche im Jahr 2010 meist verwaiste mächtige Chorgestühl von Joseph Anton Feuchtmayer lässt die Feinheit und Ausdruckskraft seiner Schnitzereien und die Eleganz der Intarsienarbeit vom Kirchenschiff aus leider nicht im Detail erkennen.



All die Kunstwerke in ihrem sorgfältig komponierten Zusammenspiel bilden nach der Auffassung der Bauzeit einen großartigen „Festsaal Gottes“, der seine wahre Bestimmung und Schönheit erst im feierlichen Gottesdienst richtig entfaltet. Für die Kirchengemeinde ist das ein großartiges Geschenk, aber auch eine Herausforderung.
Besondere Pflege erfährt in der Basilika Weingarten die Kirchenmusik, die den barocken Raum im doppelten Wortsinn zum Klingen bringt. Ein rühriger Förderverein steht dabei der Kirchengemeinde tatkräftig zur Seite.


Dr. Norbert Feinäugle